Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist schreibt an ihre Gemeinde

Wöchentlich schreibt Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist einen Brief an die Gemeinde – hier nun der 64. Brief in Corona-Zeiten zum 3. Sonntag nach Trinitatis.

Liebe Gemeinde,

seit der aktualisierten Fassung der Hamburgischen Corona-Eindämmungsverordnung gilt, dass Gemeindemitglieder draußen ohne Maske singen dürfen! Dabei besteht natürlich weiterhin das übliche Abstandsgebot und drinnen bleibt der Gemeindegesang noch immer untersagt. Aber trotzdem – ich freue mich „wie´s Kind zur Weihnachtsgabe“! Entsprechend genossen habe ich das Singen in Gemeinschaft zum ersten Mal nach so langer Zeit vergangene Woche auf dem großen Balkon des Gemeindehauses von St. Petri. Als Pröpstinnen und Pröpste trafen wir uns mit der Bischöfin, feierten zusammen ihre einmütige Wiederwahl, und dies zum Auftakt mit Gebet und Gesang. „Wer singt, betet doppelt“. Der Bischof und Kirchenvater Augustin, dem dieses Zitat zugeschrieben wird, wusste, dass beim Singen unsere Herzen leichter in Schwingungen geraten als beim bloßen Sprechen; und dass es die Seele verlockt, ihre Fenster weit geöffnet zu halten, um auch Gottes Stimme darin zu hören. Zugleich kommt im Singen zu Klang und Sprache, was uns bewegt: Freude und Schmerz, Liebe und Verzweiflung, Hoffnung, Dankbarkeit und Trost. Singend lässt sich manches, wofür uns sonst die Worte fehlen, besser, auf jeden Fall anders sagen und fühlen. Zu singen bringt uns nahe, was den Verstand übersteigt. Darum ist der Gesang im Erleben vieler ein wesentlicher Ausdruck unseres Glaubens und nicht nur eine schöne, aber verzichtbare Nebensächlichkeit.

So sehr mich nun das gemeinschaftliche Erlebnis, wieder zu singen, berührt hat, so kleinlaut wurde ich, als ich meine wahrlich aus der Übung geratene Stimme hörte. Martin Luther ist zuzustimmen, wenn er betonte, Singen sei eine edle Kunst und Übung. Wohl wahr! Und er musste es schließlich wissen, verdiente er sich in jungen Jahren mit einer Laute umherziehend sein Brot als Bänkelsänger.

Mancher vielleicht auch, der, wenn der Gemeindegesang auch im Kirchenschiff wieder möglich ist, denken wird: Das hat mir in den letzten Monaten nun wahrlich nicht gefehlt! 
Ich kenne durchaus einige, die mit unseren Chorälen nur schwer zurande kommen. 
Gebete, Worte – na schön, aber Gesänge, zumal von Laien, sind für manche keinesfalls ein Sinnenschmaus oder gar spirituelles Erlebnis.
Wichtig, auch dieses wahr- und ernst zu nehmen, so wenig es mir meine Vorfreude trüben kann. Zumal das Singen selbst uns widerständig und empathisch erhalten kann.

Dafür ist ein Lied von Paul Gerhardt ein treffliches Beispiel: „Du meine Seele, singe“. Gedichtet hat Gerhardt es 1653. Fünf Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, der Europa so nachhaltig zerstört hat, dass manche zuvor blühenden Landstriche sich auch nach mehr als hundert Jahren nicht davon erholten. Und der wie jeder Krieg unzählige Lebensgeschichten zutiefst geprägt und für immer beschwert oder gar vernichtet hatte.
Er schrieb das Lied, um seine Gemeinde in Berlin, für die er als Pastor und Propst zuständig war, zu trösten und zu bestärken in ihrem Weg, sich in einem tiefen Gottvertrauen zu gründen, das auch Krisen zu bestehen hilft. Gleich zu Beginn setzt er den Ton:

„Du meine Seele, singe,
wohlauf und singe schön
dem, welchem alle Dinge
zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben
hier preisen auf der Erd;
ich will Ihn herzlich loben,
solang ich leben werd.“

Wie arm wäre unsere Welt, wäre unser Glaube, wenn wir nicht mehr zu singen wüssten!

Wenn uns die Sorgen und Sehnsüchte nur noch auf der Seele lägen, ihr jedoch nicht mehr singend entströmen dürften! Entsprechend selig bin ich, dass das draußen Singen endlich wieder möglich ist, und dies just zur Sommerzeit! Machen wir reichlich Gebrauch davon! Und wenn wir nicht gleich die Töne treffen und es zunächst ein wenig jämmerlich zu klingen droht, vergessen wir nicht: Beten scheef hett Gott leev!

Es grüßt Sie herzlich

Ihre Astrid Kleist