Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist schreibt an ihre Gemeinde

Wöchentlich schreibt Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist einen Brief an die Gemeinde – hier nun der 68. Brief in Corona-Zeiten zum 7. Sonntag nach Trinitatis.

Liebe Gemeinde,

just zu Beginn der Hamburger Sommerferienzeit fiel mir ein Bilderbuch in die Hände, das ich sehr mag. Es heißt: „Jesus nimmt frei“ und erzählt davon, wie selbst ein Mensch wie Jesus an seine Grenzen stoßen konnte. Die vielen guten Taten hatten ihn ausgelaugt. Er fühlte sich müde und matt, erschöpft vom Wunderwirken. So wird ihm ein freier Tag verordnet. Und dann zeigen die Zeichnungen einen ausgelassenen, heiteren, herumtollenden Jesus, der Rad schlägt und sich des Lebens freut. Er geht schwimmen, genießt die Natur und kann sein Glück kaum fassen. Am Abend aber packt ihn das schlechte Gewissen: Hatte er den Tag nicht nutzlos vertan? Was hätte er in dieser Zeit nicht alles schaffen können?!

Als er sich Gott anvertraut, bekräftigt der ihn darin, wie gut und genau richtig all das gewesen sei, was er an seinem freien Tag getan hatte. Nichts von alldem sei umsonst gewesen – ganz im Gegenteil! Er zeigt ihm, wie vielmehr gerade durch sein fröhliches Spiel und seine Ausgelassenheit viel Gutes entstanden ist.

In einer Zeit, in der nicht nur Erwachsene, sondern schon Kinder und Jugendliche gefährliche Anzeichen von Überlastung und Überforderung zeigen und die besonderen Herausforderungen des letzten Jahres an kaum einem von uns spurlos vorbeigegangen sein dürften, eine wichtige Erinnerung an das, was sich schon Gott selbst verordnete, als er die Welt erschuf: die Notwendigkeit von einem Rhythmus für unser Leben. Ein Rhythmus aus Arbeit und zweckfreier, gottgewollter, geschenkter Zeit, die uns Kräfte sammeln hilft für alles, was uns dann wieder fordern und beanspruchen mag. Dabei kann sich selbst unser scheinbares Nichtstun als ein durch und durch gesegnetes erweisen.

So freue ich mich darauf, in meinem Urlaub „einfach nur“ am Strand spazieren zu gehen und dem Wellenspiel des Meeres zuzuschauen. Auch Papier und Stifte packe ich ein. Wer weiß…! Doch wahrscheinlich werde ich am Anfang eine Weile brauchen, um wirklich in den frei zu gestaltenden Tagen anzukommen und von den Gewohnheiten des Alltags zu pausieren.

In jedem Falle wundern Sie sich bitte nicht, dass Sie in den nächsten zwei Wochen keinen Brief von mir bekommen. Eine wichtige Pause, auch um mit etwas Abstand darüber nachzudenken, wie es damit gut weitergehen kann. Denn einerseits ist die Pandemie ja noch immer nicht vorbei, und andererseits ist schon wieder so vieles möglich, dass es an der Zeit sein könnte, den Rhythmus zu verändern.

Verbunden mit einem Segenswunsch grüße ich Sie sehr herzlich
Ihre Astrid Kleist

 

„Geh mit Gottes Segen.
Er halte schützend seine Hand über dir, bewahre deine Gesundheit und dein Leben und öffne dir Augen und Ohren für die Wunder der Welt.
Er schenke dir Zeit, zu verweilen, wo es deiner Seele bekommt.
Er schenke dir Muße, zu schauen, was deinen Augen wohl tut.
Er schenke dir Brücken, wo der Weg zu enden scheint und Menschen, die dir in Frieden Herberge gewähren.
Der Herr segne, die dich begleiten und dir begegnen.
Er halte Streit und Übles fern von dir.
Er mache dein Herz froh, deinen Blick weit und deine Füße stark. Der Herr bewahre dich und uns.“

* Aus: Gerhard Engelsberger/ Gebete für den Pastoralen Dienst, Kreuzverlag Stuttgart 2004