Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist schreibt an ihre Gemeinde

Wöchentlich schreibt Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist einen Brief an die Gemeinde – hier nun der 16. Brief in Corona-Zeiten zum 3. Sonntag nach Trinitatis.

Liebe Gemeinde,

nachdem mehrere von Ihnen mich am vergangenen Sonntag gespannt gefragt haben, wie es denn in Südafrika gewesen sei, bedarf es einer Erklärung: Ich bin keineswegs in Südafrika gewesen, was zurzeit coronabedingt auch gar nicht möglich wäre, sondern habe Ihnen in meinem letzten Brief südafrikanische Segenswünsche mitgeschickt, die ich kürzlich entdeckt habe.

Dabei wäre ich im Juni tatsächlich nach Afrika gereist zur diesjährigen Ratsversammlung des Lutherischen Weltbunds in Nigeria. Doch wurde auch diese Reise, wie zunächst alle weiteren, die im Rahmen meines Engagements für die weltweite lutherische Kirchengemeinschaft geplant waren, abgesagt. Und das ist ja nicht nur als Vorsichtsmaßnahme vernünftig, sondern minimiert zugleich den ökologischen Fußabdruck, so sehr mir wie anderen die persönlichen Begegnungen, die Tür-und-Angel-Gespräche fehlen. Auch weil sie mitunter darüber entscheiden, ob man einen gemeinsamen Weg findet oder sich verhakt und aneinander vorbei diskutiert.

So braucht es für die Gewöhnung an die nötig gewordenen Videokonferenzen auch im Rahmen der internationalen Kirchengemeinschaft frohen Mut, Humor und Übung. Vor kurzem hatte ich sechs Tage lang jeweils zwei Stunden Gelegenheit, um mich mit den Delegierten aus Äthiopien, Indonesien, Indien, Schweden, Nordamerika, Brasilien, Nigeria, Estland, der Schweiz und den Philippinen digital zu beraten. Eine Herausforderung, weil ständig bei einem von uns die Leitung unterbrochen wurde, das Bild ausfiel oder der Ton miserabel war. Doch irgendwie haben wir es immer wieder geschafft, uns zum Gespräch zusammenzufinden. Bei den einen war es früher Morgen, bei den anderen Mittagszeit, und wieder andere legten sich nach Ende der Sitzung übermüdet schlafen... Ein mir unvergesslicher Moment entstand, als plötzlich alle ohne Absprache für einen Augenblick innehielten und andächtig dem prasselnden Regen lauschten – in Addis Ababa über das Smartphone des äthiopischen Bischofs zu hören, im indonesischen Medan über den Laptop der Vize Präsidentin für die asiatische Region und hier bei uns in Hamburg.

„Rain is a blessing“, chattete der philippinische Bruder, und wir anderen seufzten zustimmend.

Dieses Erlebnis, gemeinsam zu spüren, dass wir zusammen gehören und manches zusammen erleben, obwohl uns alle gerade Tausende von Kilometern voneinander trennen und wir unter unterschiedlichsten Bedingungen leben, beten und arbeiten, hat mich tief berührt. Es hat mich ein wenig auch mit den widrigen Umständen unserer Konsultation versöhnt.

Welchen Moment gab es in den vergangenen Wochen und Monaten wohl in Ihrem Leben, an dem Sie sich ganz besonders oder auch auf überraschende Weise mit Menschen verbunden gefühlt haben, vielleicht auch ohne sie persönlich zu kennen?

Corona und die damit verbundenen weltweiten Krisen machen unseren Blick durch die Ängste, Sorgen und Nöte in manchem erschreckend eng. In anderen Bereichen wiederum wachsen – so erlebe ich es – das Mitgefühl und das deutliche Empfinden, dass wir bei allen Unterschieden in der Dramatik und den Folgen der Krise auch Ähnliches durchleiden und gut daran tun zusammenzurücken. Sei es, indem wir uns auf körperlichen Abstand geeinigt halten, so schmerzlich dieser auch ist.

Wenn Sie nun in den nächsten drei Wochen nichts von mir hören, dann nur, weil ich im Sommerurlaub bin – und zwar nicht in Afrika! Eine Auszeit, auf die ich mich sehr freue und bei der ich hoffe, viel Licht, Wind und Kraft für die kommenden Wochen schöpfen zu können, gerade weil einiges noch eine ganze Weile so anders bleiben wird. Und dann freue mich auf unser Wiedersehen und -hören!

Bleiben Sie bis dahin behütet, wo immer Sie die nächsten Wochen verbringen werden, ob daheim oder anderswo.

Herzliche Grüße
Ihre Astrid Kleist