Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist schreibt an ihre Gemeinde

Wöchentlich schreibt Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist einen Brief an die Gemeinde – hier nun der 34. Brief in Corona-Zeiten zum Ewigkeitssonntag.

Liebe Gemeinde,

es ist nie beliebig, wie wir etwas sagen. Aber wie sehr es in unserer alltäglichen Kommunikation auf die Formulierung ankommt, habe ich lange nicht mehr so intensiv gespürt wie in dieser Zeit. Eben weil die nonverbale Kommunikation so viel schwieriger geworden ist. Wir uns aufgrund der Alltagsmasken nicht mehr Wünsche von den Lippen ablesen können; uns durch das Abstandsgebot Berührungen versagen müssen, die mitunter helfen, einer missglückten Wortwahl die Schärfe zu nehmen oder im wahrsten Sinne des Wortes aufeinander zuzugehen.

Kein Wunder, dass darum mancher das Bedürfnis verspürt, seinem Mund-Nasenschutz eine Botschaft beizulegen wie „Darunter lächele ich“. Weil ein Lächeln zu erhaschen oder einander zu schenken so viel schwerer geworden ist. Wir uns aufgrund der allgemeinen Anspannung vielleicht auch eher einmal in Ärger verwickeln lassen als sonst. Und so viel weniger Spontanes und Schönes miteinander teilen, als uns guttäte.

Vielleicht darum, weil es gerade so wichtig ist, wie wir einander mitteilen, was wir voneinander erwarten, kam mir jüngst wieder in den Sinn, was mich schon als junge Theologiestudentin faszinierte.

Dass die Zehn Gebote, die Mose der biblischen Erzählung nach am Berg Sinai für sein Volk empfing, im Hebräischen gerade nicht in Verbotssprache formuliert sind, wie wir sie im Deutschen zitieren. Da heißt es wörtlich übersetzt nicht: „Du sollst nicht stehlen.“, „Du sollst nicht morden“, wie es mancher von uns auswendig weiß. Stattdessen ist in der Hebräischen Bibel das Futur gewählt, weil es die Begründung für die Gebote entscheidend sein lässt.

Denn bevor Gott die Gebote gibt, erinnert er sie daran, dass er Israel aus der Knechtschaft geführt hat, damit sie fortan in Freiheit leben können. Er macht ihnen also klar, wie groß die Freiheit ist, die sie mit ihm erfahren. Acht der nun folgenden zehn Sätze beginnen darum mit „Du wirst nicht...“ Keiner beginnt mit „Es ist verboten, dass…“ Weil die Zehn Gebote die zehn Artikel der großen Freiheit sind, die der Gott Israels schenkt. 

Wer sich des kostbaren Schatzes dieser Freiheit bewusst ist, der wird entsprechend nichts tun – so die biblische Argumentation –, was sie ihm gefährdet. Der wird also weder andere bestehlen noch verleumden oder gar morden.

Mich berühren der Perspektivwechsel und diese Sicht auf die Zehn Gebote sehr, weil sie den Blick lenken auf das, was die Regeln bewahren helfen und ermöglichen sollen. Was wir umgekehrt entsprechend unterlassen mögen, um diese Freiheit und Gemeinschaft nicht zu gefährden.

Ähnliches erleben wir zurzeit. Auch die mitunter harten Einschränkungen und Regeln, die uns rundum die Pandemiebekämpfung viel abverlangen, sollen uns ja nicht grundlos drangsalieren. Sie sind uns angetragen, auf dass wir uns möglichst viele Spielräume bewahren und weder unser eigenes noch das Leben anderer, das uns doch so lieb und teuer ist, fahrlässig gefährden.

„Weil ich wieder Geburtstag feiern will…“, heißt es darum derzeit auf Plakaten, die für die Einhaltung der sogenannten AHA-Regeln werben. „Weil ich wieder tanzen gehen möchte… oder meine Familie und Freunde treffen will.“ Darum werde ich für die Zeit, die es jetzt braucht, auf viele Kontakte verzichten und mich an den Abstand halten.

Um langen Atem zu bewahren, ist es wichtig, uns zu erinnern, woher wir kommen, und vor Augen zu haben, was für eine Zukunft wir uns für- und miteinander wünschen.

Einfach ist es darum nicht. Aber mir macht es das leichter, wenn ich mich vergewissere, vor welchem Erfahrungshintergrund und auf welches Ziel hin Regeln formuliert sind.

In der Hoffnung, dass es Ihnen ähnlich ergehen möge, grüßt Sie herzlich

Ihre Astrid Kleist