Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist schreibt an ihre Gemeinde

Wöchentlich schreibt Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist einen Brief an die Gemeinde – hier nun der 48. Brief in Corona-Zeiten zum Sonntag Reminiszere.

Liebe Gemeinde,

es gibt Bücher, die muss man wieder und wieder lesen und dabei muss es unbedingt dieses eine, eigene Exemplar sein, das man nicht oft genug in die Hand nehmen kann. Und es gibt Bücher, da kann mir genügen, über sie zu lesen. Weil mich im selben Moment der Begeisterung auch die Sorge befällt, die Lektüre könnte mich enttäuschen. Weil ich das, was ich darüber las, bereits so inspirierend finde, dass ich in meiner Vorstellung vielleicht mehr daraus gemacht haben könnte als ich darin wiederfände. So ergeht es mir mit dem „Buch der fehlenden Wörter“ des italienischen Autors und Theaterregisseurs Stefani Massini. Darin erfindet er Begriffe für Zustände, die wir zwar alle kennen, doch bislang noch nicht zu bezeichnen wussten.

Dabei stehen diese von ihm kreierten Wörter meist mit historischen Persönlichkeiten in Verbindung. Dazu gehört z.B. Rosa Parks, jene mutige schwarze Frau und US-amerikanische Bürgerrechtlerin aus Alabama, die sich in den 50er-Jahren weigerte, ihren Platz im Bus für einen weißen Fahrgast zu räumen und damit eine Protestwelle auslöste. Als „Parksiade“ bezeichnet Stefan Massini nun eine besondere Errungenschaft, entstanden durch eine spontane Entscheidung im richtigen Moment, die einen plötzlich unerträglichen Zustand der Welt offenbart.

Mit Blick auf den Optiker Carl Zeiss erschafft Massini den Begriff des „Zeissiteurs“ für jemanden, der freiwillig darauf verzichtet, unbedingt das Maximum erreichen zu wollen, und stattdessen der Frage nachgeht, welche Wahrheit sich im Allerkleinsten verbirgt.

Unter „Gulliverrose“ wiederum leidet ein Mensch, der sich wie Jonathan Swifts berühmter Gulliver entweder zwergenhaft klein oder riesenhaft groß fühlt und sich unentwegt vergleichen muss.

Den Anlass für seine Wortschöpfungen gab dem Romanautor, Essayist und Dramatiker ein Konflikt und die damit verbundene Erkenntnis, dass unsere Sprache kulturgebunden stets nur Teile unserer Gefühlswelt abdeckt und damit manches nicht auszudrücken vermag. Dies ließ ihn nach Umständen, Gefühlslagen forschen, für die es noch keine Wörter gibt. Er begab sich auf die Suche nach Ereignissen oder Persönlichkeiten, die diese für ihn verkörpern. Ein inspirierendes Unterfangen, das sofort meine Neugier erregte. Doch muss ich gestehen, dass ich manche der Wortschöpfungen zwar interessant und hintersinnig finde, aber dann doch auch ein wenig zu konstruiert, um sie mir anzueignen. Sie sind eben nicht dem Volk aufs Maul geschaut, wie es wohl einer der genialsten Wortschöpfer unserer deutschen Sprache vermochte. Denn auch Martin Luther erfand Worte, die Gefühlslagen und Charakterzüge in eine bis dahin nicht bekannte Bildsprache setzten. Sei es der „Lückenbüßer“, die „Herzenslust“, der „Denkzettel“, die „Langmut“, der „Feuereifer“, das „Machtwort“ oder auch die Redewendung „für immer und ewig“ u.v.m.. Die Quelle seiner Sprachschöpfungen, die in die Alltagssprache übergingen, war für ihn allem voran die Bibel, gefolgt von den Worten, die die Menschen auf den Gassen sprachen.

Doch ist Massinis Ansatz ein ganz anderer und der Vergleich mit Luther darum nicht wirklich fair. Auch soll er nicht die Originalität des „Wörterbuchs der fehlenden Wörter“ schmälern. So ist ein Effekt, der sich bei mir bereits im Lesen über das Buch und im weiteren Nachdenken über die Wortschöpfungen einstellt, mich zu fragen, welche Wörter uns wohl aktuell fehlen.

Welcher Gefühlszustand, der momentan viele unter uns kennzeichnet, ist mit den Worten, die wir bisher kennen und nutzen eigentlich nicht ausreichend, präzise oder bildreich genug charakterisiert?

Wie zum Beispiel kann ich mit nur einem Wort ausdrücken, was mir derzeit als Zustand so häufig beschrieben wird: „Eigentlich geht es mir trotz der Einschränkungen relativ betrachtet gut. Ich weiß ja, wie gut ich es in vielem habe! Und dennoch fehlt mir Wesentliches, das ich zum Leben brauche.“

Oder wie lässt sich die persönliche wie kollektive Trauer zum Ausdruck bringen über die Tausende von Menschen, die an COVID-19 gestorben sind? Der Schmerz, einen geliebten Menschen im Sterben nicht begleitet und sich nicht von ihm verabschiedet haben zu können? Mit welchem Wort ließe sich die Einsamkeit derer erfassen, die zwar Familie und Freunde haben, sie in dieser Zeit jedoch nicht sehen und spüren können?

Vielleicht wird diese für Viele so schwere Zeit Wortschöpfungen hervorbringen, die dergleichen zu beschreiben helfen. Wenn sie Ihnen begegnen oder in den Sinn kommen, schreiben Sie mir davon; ich würde mich freuen.

Es grüßt Sie herzlich

Ihre
Astrid Kleist