Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist schreibt an ihre Gemeinde

Wöchentlich schreibt Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist einen Brief an die Gemeinde – hier nun der 31. Brief in Corona-Zeiten zum Reformationstag und dem 21. Sonntag nach Trinitatis.

Liebe Gemeinde,

die neuen Regeln und Einschränkungen, die gestern der Hamburger Senat beschlossen hat und die ab 2. November in Kraft treten, fordern uns alle heraus. Für manche sind sie allerdings wirtschaftlich, existentiell, auch privat eine Katastrophe, so wichtig es jetzt auch ist, zu versuchen, die dramatisch steigenden Infektionszahlen endlich nachhaltig einzudämmen. In jedem Fall bedeuten die erneuten Restriktionen für das öffentliche wie private Leben eine große Herausforderung an die eigene Stabilität/Resilienz, über die ich in meinem letzten Brief schrieb.

Umso erleichterter bin ich über die gute Nachricht, die gestern durchaus auch zu vernehmen war: Gottesdienste und Andachten können weiterhin stattfinden. Davon dürfen wir erstmal ausgehen.

Konzerte jedoch sind für den gesamten November abzusagen.

Bei allen kirchlichen Veranstaltungen, die auch im November möglich bleiben, ist von uns gemeinsam umso achtsamer auf die Einhaltung der Maßnahmen zu achten, die uns wechselseitig schützen (Abstandsregel, Maskenpflicht, Lüften, Zeitbegrenzung). Auch haben wir uns bei allen geplanten Treffen zu fragen: Müssen sie in dieser Zeit wirklich sein?  Lassen sie sich verschieben, anders gestalten oder absagen? Auch das „Zoomen“ (ein Treffen in Form einer Videokonferenz) wird wieder mehr Bedeutung bekommen.

Entsprechend haben wir uns am Dienstagabend auch als Kirchengemeinderat zusammen „gezoomt“ und entschieden, die diesjährige Gemeindeversammlung, zu der wir Sie am Dienstag, den 3. November um 18:30 Uhr eingeladen hatten, abzusagen. Nähere Informationen dazu sind für Sie in meinem zusätzlichen Brief an die Gemeinde nachzulesen, den Sie hier abrufen können.

Wir halten Sie auf dem Laufenden, wenn immer Neuerungen eintreten und bitten Sie, in dieser Zeit regelmäßig einen Blick auf unsere Homepage und die Aushänge zu werfen.

Ich wünsche uns bei dem, was uns in den kommenden Wochen fordern und herausfordern wird, einen festen Stand und eine gute innere Haltung, in der wir unsere Hoffnung miteinander teilen und einen fürsorglichen Blick für unsere Nächsten haben.

„Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen.“

Mit diesen Worten soll Martin Luther damals vor dem Wormser Reichstag seine Verteidigungsrede beendet haben, als man von ihm den Widerruf seiner 95 Thesen forderte, die er am 31. Oktober 1517 eigenhändig an die Kirchentür zu Wittenberg geschlagen haben soll. Darin rief er zu einer Diskussion über die Missstände in der damaligen Kirche auf. Der Beginn der Reformation der Kirche in Deutschland, die schon bald ihren Lauf rund um den Globus nahm.

Heute wissen wir, dass dieser Ausspruch Luthers Legende ist. Historisch verbürgt jedoch ist, dass Martin Luther in der Tat nicht widerrufen hat, wovon er überzeugt war, dass Christus es ihm eingegeben habe.

Wir in Hamburg, in einer zwar kleiner werdenden, aber noch immer mitgliederstarken Evangelisch-Lutherischen Kirche, müssen gesellschaftlich und politisch weder Gewalt noch Verfolgung befürchten, wenn wir uns zu Christus bekennen. Diese Freiheit, die wir hinsichtlich unserer Religionsausübung genießen, ist mit Blick auf die Welt keineswegs selbstverständlich. Für uns, denke ich, besteht die Herausforderung mitunter eher darin, von dieser Freiheit auch Gebrauch zu machen. Sie also nicht dahingehend misszuverstehen, als sei es egal, was und zu wem wir uns bekennen, welchen Gott wir verkünden, und wessen Geist wir in unseren Taten lebendig werden lassen wollen.

In der Nachfolge Jesu bleibt uns aufgetragen, seine Sache voranzutreiben und hörbar zu halten. Im Privaten wie im Öffentlichen einzustehen für den Geist Gottes, der nicht Angst und Schrecken, auch nicht Bequemlichkeit oder Selbstherrlichkeit verströmt, sondern den Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit, der aufrichten und trösten hilft. Etwas, das meiner Überzeugung nach für alle Christen gelten sollte – jenseits konfessioneller Unterschiede.

In St. Jacobi wird in diesem Jahr am Reformationstag Gudrun Nolte mit einer Kanzelrede zu Gast sein. „Kanzelrede“, weil die Leiterin des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt nicht als Pastorin oder Prädikantin zu uns spricht, sondern als engagierte Laiin und Leitende innerhalb der Kirche ihre Gedanken zum Predigttext in Beziehung zu aktuell drängenden Fragen der Berufs- und Arbeitswelt setzt.

Das Luther-Zitat „Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen“ lässt sie fragen: Aber wo bauen wir unser Nest? Mit der Corona-Pandemie wird noch deutlicher, wie viel sich auch im Blick auf die Arbeitswelt verändert. Gudrun Nolte wird diese unsicherer gewordene Arbeitswelt mit uns erkunden und nach dem lutherischen Arbeitsethos fragen zwischen sogenannter Systemrelevanz, New Work und unserer Arbeitshaltung.

Musikalisch werden Auszüge aus Johann Sebastian Bachs Kantate „Eine feste Burg ist unser Gott“ erklingen.

Wem es nicht möglich ist, zum Gottesdienst zu kommen, oder in dieser Zeit lieber zu Hause bleibt, wird die Kanzelrede zeitnah auf unserer Homepage abrufen können oder erhält sie auf Nachfrage über das Kirchenbüro auf dem Postweg.

Es grüßt Sie herzlich

Ihre Astrid Kleist