Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist schreibt an ihre Gemeinde

Wöchentlich schreibt Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist einen Brief an die Gemeinde – hier nun der 19. Brief in Corona-Zeiten zum 9. Sonntag nach Trinitatis.

Liebe Gemeinde,

„Ich bin anderer Meinung.“

Als ich am Montagabend von St. Jacobi nach Hause radelte und über den Jungfernstieg fuhr, entdeckte ich diesen Satz mit Kreide auf den Bürgersteig geschrieben. Von wem mochte er stammen? Zu sehen war niemand. Auch war mir nicht ersichtlich, ob kurz zuvor eine Kundgebung stattgefunden hatte, und wenn ja, welche, die diesen Menschen zu seiner Aussage bewogen haben mag.

„Ich bin anderer Meinung.“ In einer Demokratie gehört dies Gott sei Dank zu unseren Grundrechten, unsere Meinung öffentlich äußern zu dürfen. Und doch spüre ich in dieser Zeit besonders intensiv, wie sehr es uns gesellschaftlich und persönlich herausfordert, anderer Meinung zu sein und Unterschiede auszuhalten.

Den einen sind die Einschränkungen der Freiheitsrechte als Schutzmaßnahme im Kampf gegen die Pandemie viel zu weitreichend. Den anderen erscheinen die Lockerungen unverantwortlich. Verunsicherung macht sich breit und nicht selten entlädt sich der Stress, mit der Meinungsverschiedenheit umzugehen, an ganz anderer Stelle und bekommt mitunter eine Schärfe und einen Ton, die mich erschrecken und unruhig stimmen. Am Sonntag eine Joggerin, die einem anderen Läufer wutentbrannt „Du Vollidiot“ hinterherschrie, weil dieser ihrem Empfinden nach beim Überholen nicht ausreichend Abstand gehalten hatte. Im Kirchenbüro ein Mann, der sich hartnäckig weigerte, den nötigen Abstand zu halten, obwohl wir ihn freundlich darum gebeten hatten.

Natürlich erleben wir auch in St. Jacobi, dass wir mitunter unterschiedlicher Meinung sind, ob die derzeitigen Regelungen und ihre Umsetzung angemessen, übertrieben vorsichtig oder doch eher zu lasch sind. „Können wir wirklich noch nicht singen? In der Kirche, in der ich im Sommer zu Besuch war, ging es schon wieder, warum dann nicht bei uns?“ „Sollten wir nicht sonntags weiterhin Adressen sammeln, auch wenn das zurzeit für den Gottesdienst nicht mehr vorgeschrieben ist?“

Noch besteht kein Anlass, gemeinschaftlich in den Bemühungen nachzulassen, die Freiheiten, die wir allmählich beginnen zurückzugewinnen, aufs Spiel zu setzen, indem wir uns so verhalten, als gäbe es das Virus nicht mehr. Als müssten wir einander nicht mehr schützen. So sehr das auch anstrengt, nervt und wir uns vieles wieder unbeschwerter und leichter wünschten.

Mir persönlich hilft in diesen angestrengten Momenten, bewusst auf all das zu schauen, was geht und wieder möglich ist. Und mit anderen im Kontakt zu stehen. Einander zu Rate zu ziehen und zuzuhören. Die Sorgen und Befürchtungen ernst zu nehmen, ohne sich von Angst und Verdächtigungen gefangen nehmen zu lassen. Auch kontroversen Gesprächen nicht auszuweichen, sondern auftauchende Fragen und unterschiedliche Auffassungen im Austausch zu klären zu versuchen.

In diesem Sinne hoffe ich und versuche, gemeinsam mit vielen anderen, dafür einzustehen, dass wir eine Gemeinde sind, ein Ort, an dem unterschiedliche Ansichten ausgesprochen und respektiert werden, ohne dass damit das Zusammensein gefährdet wäre. Ein Ort, an dem die Verschiedenheit der Meinungen die Gemeinschaft sogar stärken kann, weil wir uns einig darin sind, dass verschiedene Ansichten die gemeinsame Überzeugung nicht beeinträchtigen – frei nach Paulus, der schreibt:

„In jedem und jeder von uns offenbart sich der Geist auf unterschiedliche Weise, aber zum gemeinsamen Nutzen aller.“ (1. Kor 12,7)

Oder sind Sie anderer Meinung?

Es grüßt Sie herzlich in Verbundenheit

Ihre Astrid Kleist