Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist schreibt an ihre Gemeinde

Wöchentlich schreibt Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist einen Brief an die Gemeinde – hier nun der 42. Brief in Corona-Zeiten zum 2. Sonntag nach Epiphanias.

Liebe Gemeinde,

 

in der letzten Woche hatte ich frei und habe es genossen, in Ruhe und ohne Termine ein weiteres Mal meine Weihnachtspost zu lesen. Ein Neujahrsritual für mich. Und nun nutze ich flugs die Gelegenheit, um mich ganz herzlich für die guten Wünsche und herzlichen Grüße zu bedanken, die mich auch aus der Gemeinde erreicht haben. Ihre Rückmeldungen bestärken mich darin, dass Sie meiner Briefe noch nicht überdrüssig sind, so sehr wir uns alle ein Ende der Pandemie und Kontakteinschränkungen wünschen und ich mich jetzt schon darauf freue, wenn wir uns wieder uneingeschränkt und ohne Mund- und Nasenschutz in St. Jacobi sehen und begrüßen können. Schon ein Handschlag kommt einem in dieser Zeit ja wie ein verwegener Wunsch aus vergangenen Zeiten vor!

Einander gute Wünsche und Gedanken zum Beginn des neuen Jahres zu schicken, hat bereits eine lange Tradition. So sollen kirchlicherseits seit dem 15. Jahrhundert Neujahrssprüche neben der Predigt üblich gewesen sein, wie ich jüngst gelernt habe. Martin Luther jedoch habe sie abgelehnt, weil er sie als gezielte Belustigung des Publikums betrachtete. Was für ein Jammer! Gott sei Dank konnte er sich bei den evangelischen Pastoren mit seiner strengen Sicht auf Dauer nicht durchsetzen.

Beim Lesen meiner Weihnachtspost bin ich nun in diesem Jahr noch einmal auf einen solchen Neujahrsspruch gestoßen, den ich schon fast vergessen hatte. Er entstammt der Feder eines katholischen Geistlichen mit Namen Herrmann Josef Kappen, geboren 1818 in Münster, seit 1855 Pastor in Steinkirchen, später auch Stadtdechant, Ehrendomherr und päpstlicher Hausprälat. Er soll seinen witzigen und zugleich hintersinnigen Neujahrswunsch, der unter dem Titel „Gebet des Pfarrers von St. Lamberti in Münster 1883“ zu finden ist, beim Neujahrsempfang in St. Martini et Nicolai vorgetragen haben.

Neujahrsgebet
„Herr, setze dem Überfluss Grenzen
und lasse die Grenzen überflüssig werden.
Lasse die Leute kein falsches Geld machen
und auch Geld keine falschen Leute.
Nimm den Ehefrauen das letzte Wort
Und erinnere die Ehemänner an ihr erstes.
Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit
und der Wahrheit mehr Freunde.
Gib den Regierenden ein besseres Deutsch
Und den Deutschen eine bessere Regierung.
Herr, sorge dafür, dass wir alle in den Himmel kommen
Aber nicht sofort!“

Was für ein lebensfroher Humor und eine die Menschlichkeit des Menschen bejahende Frömmigkeit, die aus diesen Zeilen spricht!

Eindrucksvoll, wie der Lamberti-Seelsorger unter Verzicht auf den moralischen Zeigefinger auf die Förderung der Lebenszugewandtheit seiner Gemeinde zielt – mit der Wirkung, dass sein Neujahrsgruß bis heute Menschen zum schmunzelnden Nachdenken verführt. Zweifelsohne hat dieser Pfarrer einen guten Blick für einen Gott gehabt, der den Menschen zugeneigt ist, und war davon überzeugt, dass es im Glauben darum geht, vor dem Eintritt in den Himmel bitte auch das irdische Dasein zu genießen. Dass sich Pfarrer Kappen zu diesem Zweck manche Lebensweisheit aus dem politischen Neujahrswunsch des Journalisten-Kollegen Adolf Glaßbrenner (1810-1876), einem Humoristen und Satiriker, ausgeborgt haben soll, mindern für mich nicht Tiefsinnigkeit und Witz seines Gebets, das er für seinen Kontext, seine Gemeinde kongenial zu übersetzen verstand.

Ich wiederum borge mir nun also dieses alte Neujahrsgebet des katholischen Amtsbruders, in der Hoffnung, dass es Sie ebenso erfreue und zum Nachdenken anrege wie mich, als ich es in meiner Post fand.

Es grüßt Sie herzlich

Ihre Astrid Kleist