Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist schreibt an ihre Gemeinde

Wöchentlich schreibt Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist einen Brief an die Gemeinde – hier nun der 55. Brief in Corona-Zeiten zum Sonntag Misericordias Domini.

Liebe Gemeinde,

„Gott helfe mir. Amen.“ Mit dieser Bitte beendete Martin Luther vor 500 Jahren am 18. April 1521 seine berühmte Verteidigungsrede auf dem Reichstag zu Worms. Vor Kaiser Karl V. und die damaligen Reichsstände gestellt, um seine Schriften zu widerrufen, lehnte er dies mit folgenden Worten ab: „Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Heiligen Schrift oder durch klare Gründe der Vernunft überwunden werde..., so bin ich durch von mir angeführte Schriftworte bezwungen. Und solange mein Gewissen im Wort Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, da es weder sicher noch recht ist, gegen das Gewissen zu handeln.“ Zurücknehmen könne er seine Worte darum nicht.

Während Martin Luther im Anschluss an die Verhandlungen scheinbar spurlos verschwand – von Friedrich dem Weisen auf die Wartburg „entführt“, um den vogelfrei Gesprochenen zu schützen, erreichte seine Reichstagsrede Wittenberg. Gedruckt mit einer kleinen Änderung. Hier nun wird Luthers Worten vorangestellt, was fortan zu dem Lutherwort schlechthin werden sollte: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“

Mich lässt Luthers beeindruckende Widerstandskraft vor 500 Jahren weiterer Menschen gedenken, die bereit waren oder aktuell sind, ihre Freiheit und ihr Leben zu riskieren. Weil ihnen die Wahrheit und die Verantwortung, die sie darin für sich erkannt haben, wichtiger sind. In diesem Frühjahr denke ich dabei an den Kreml-Kritiker Alexei Nawalny, der im Straflager in den Hungerstreik getreten ist. Auch denke ich an die mutigen Frauen aus Belarus. Stellvertretend für sie stehen für mich Swetlana Tichanowskaja und ihre Mitstreiterinnen Maria Kolesnikowa und Weronika Zepkalo. Im letzten Jahr war Tichanowskaja bei der von Manipulationsvorwürfen überschatteten Präsidentenwahl aus ihrem Exil als Kandidatin der Opposition angetreten.

„Es reicht mit der Angst“, entschieden die drei Frauen, und riefen es als Botschaft allen Menschen ihres Landes zu. Mit den Händen formte das Trio ein Herz, eine Faust und ein Victory-V – und stemmte sich gemeinsam dem Diktator entgegen. Jetzt wird strafrechtlich gegen sie und andere wegen Terrorverdachts ermittelt.

In diesem Frühjahr bin ich mit meinen Gedanken auch bei der deutschen Studentin und Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus, Sophie Scholl, deren Geburtstag sich am 9. Mai zum 100. Male jährt.Wegen ihrer Aktivität in der Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“, die zum Sturz des NS-Regimes aufrief, wurden sie und ihr Bruder Hans Scholl am 22. Februar 1943 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Wie sich aus dem Vernehmungsprotokoll der Gestapoergibt, stellte sie sich selbst und ihren Bruder im Verhör als Hauptakteure dar, um ihre Freunde zu schützen.

Auch Sophie Scholl war es unmöglich zu widerrufen, was sie ihr evangelischer Glaube und ihr Gewissen zu erkennen halfen. „Wenn ich auch nicht viel von Politik verstehe“, schrieb sie bereits im Mai 1940 an ihren Verlobten Fritz Hartnagel, „und auch nicht den Ehrgeiz habe, es zu tun, so habe ich doch ein bisschen ein Gefühl, was Recht und Unrecht ist. Denn dies hat ja mit Politik und Nationalität nichts zu tun.“ (Sophie Scholl, Brief an Fritz Hartnagel, 29. Mai 1940)

Wie sehr braucht es zu jeder Zeit widerstandsfähige Menschen, die sich von ihrem Gewissen, ihrem Glauben und Herzen leiten lassen, um Unrecht zu widerstehen und mutig für ihre Überzeugungen einzustehen! Es ist an uns, sie nicht dem Vergessen anheim zu geben. Dass wir von ihnen lernen und uns durch sie erinnern und mahnen lassen, welches unverletzliche und unveräußerliche Recht die Freiheit ist. Eines, das alle Menschen besitzen und ihnen gewährt bleiben muss, sei es in Gestalt von Meinungsfreiheit, Redefreiheit, Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit oder Versammlungsfreiheit.

In den fünf Hauptkirchen nehmen wir in diesen Wochen das Jubiläum der Verteidigungsrede Martin Luthers vor dem Reichstag zu Worms zum Anlass, über Glaubensmut, Leidenschaft, Gewissen und Widerstandskraft nachzusinnen und danach zu fragen, was uns heute standfest macht.

In St. Jacobi feiern wir dazu am kommenden Sonntag zwei Gottesdienste, um 10 Uhr und 11.30 Uhr, um Ihnen trotz des gebotenen Abstands und der dadurch eingeschränkten Platzzahl ausreichend Plätze anbieten zu können. Alle Predigten der Predigtreihe werden auf den Websites der jeweiligen Hauptkirche nachzulesen sein.

Es grüßt Sie herzlich

Ihre Astrid Kleist