Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist schreibt an ihre Gemeinde

Wöchentlich schreibt Hauptpastorin Pröpstin Astrid Kleist einen Brief an die Gemeinde – hier nun der 26. Brief in Corona-Zeiten zum 16. Sonntag nach Trinitatis.

Liebe Gemeinde,

In der frühen iroschottischen Klostertradition zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert gibt es eine Gebetsform, die von den Mönchen zum Schutz rezitiert wurde. Darin ruft der Betende die ganze Kraft Gottes als Schutz gegen das Böse in seinen vielen Formen an. Ein Beispiel ist dieses Gebet:

„Sei mir eine helle Flamme vor mir.
Sei mir ein Leitstern über mir.
Sei mir ein ebener Weg unter mir.
Sei mir ein gütiger Hirte hinter mir.
Heute, heute Nacht und für immer.“

Charakteristisch für diese Art des Gebets, das heute oft auch als typischer „Altirischer Segen“ bezeichnet wird, ist, dass es einen Weg darstellt, sich selbst mit Hilfe des dreieinen Gottes schützend einzukreisen.

Alle Himmelsrichtungen werden darin bewusst in den Blick genommen und betend abgegangen. Wie ich jüngst gelernt habe, können die einzelnen Verse parallel mit passenden Körperbewegungen und Gesten verbunden werden.

So wird von den keltischen christlichen Mönchen erzählt, wie sie während des Gebets aufstanden, um mit dem Zeigefinger im Uhrzeigersinn einen Kreis um sich zu ziehen. An bestimmten Positionen hielten sie inne und sprachen den jeweiligen Vers.

So stelle ich mir „meinen“ Gebetskreis vor wie eine Uhr und versuche es mit einem weiteren Schutzgebet aus dieser Tradition:

Position 12: „Umfange mich, HERR. Halte Deinen Schutz in meiner Nähe und die Gefahr von mir fern.”

Position 3: „Umfange mich, HERR. Sei nahe mit Deinem Licht und halte die Dunkelheit von mir fern.“

Position 6: „Umfange mich, HERR. Bewahre Deinen Frieden im Inneren und halte das Böse außen vor.“

Position 9: „Umfange mich, HERR. Bewahre mir die Hoffnung, und halte mich von Zweifeln frei.”

Zurück an der Position der 12 ließe sich mit dem oben zitierten Gebet schließen: „Sei mir eine helle Flamme…“

Die Segensverse und dazugehörigen Gesten helfen mir, mir vorzustellen, wie ich einen Schutzkreis um mich ziehe und mich darin bewusst in Gottes Schutz und Fürsorge stelle. In dem ich das, von dem ich mich bedroht empfinde oder was ich fürchten kann, außen vorlasse und mich im Frieden mit mir selbst fühle – im Vertrauen, dass dieser Schutzraum mich auch dann umgeben wird, wenn ich wieder meines Weges ziehe.

Eine ungewohnte Art des Gebets wird dies vielleicht für manche von uns sein. Für mich können es gute Gebete sein, bevor ich vor Gott Stille halte oder meine persönlichen Gebetsanliegen vor ihn bringe. Auch in Momenten, in denen uns Angst befällt oder wir das Gefühl haben, uns vor etwas besonders wappnen zu müssen, können sie uns helfen.

Haben Sie schon einmal Erfahrungen mit einer solchen Gebetspraxis gesammelt und sie als unterstützend erfahren oder bleibt sie Ihnen fremd?

Wem es schwer fällt, solche Verse selbst zu sprechen, der kann sie sich wunderbar vorsingen lassen. Denn der vielen bekannte Abendsegen aus Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ ist im Grunde nichts anderes als ein solches Schutzgebet, wie es die frühen Mönche sprachen:

„Abends will ich schlafen gehn,
vierzehn Engel um mich stehn:
zwei zu meinen Häupten,
zwei zu meinen Füssen,
zwei zu meiner Rechten,
zwei zu meiner Linken,
zweie, die mich decken,
zweie, die mich wecken,

zweie, die mich weisen
zu Himmels Paradeisen,

zweie, die zum Himmel weisen!

In diesem Sinne bleiben Sie und die Ihren behütet und umgeben von Gottes Schutz und Segen!

Es grüßt Sie herzlich

Ihre

Astrid Kleist